Makrobiotik

Die Makrobiotik (altgriechisch: makros = groß und biotikos = das Leben betreffend) ist eine Lebensweise, die zu einem gesunden und langen Leben führen soll. Als Begründer der Makrobiotik, die auf der Philosophie des chinesischen Taoismus basiert, gilt der Japaner George Ohsawa (1892-1966). Nach Ohsawas Tod wandelte sein Schüler Mishio Kushi die extreme Art der Ernährung zu einer ausgewogeneren Kostform ab. Steve Acuff gilt als ein Makrobiotik-Vertreter, der die meisten Abweichungen von der „Standarddiät“ zulässt und von „Ernährungsempfehlungen“ spricht. [5, 7]

Grundsätze und Ziele

Die Makrobiotik beruht auf der natürlichen Ordnung des Universums, die durch die zwei gegensätzlichen Kräfte Yin und Yang bestimmt wird. Die beiden Energien, die durch den Grundcharakter „ausdehnend“ (Yin) und „zusammenziehend“ (Yang) gekennzeichnet sind, ziehen sich an und ergänzen sich gegenseitig. Krankheit wird als Ausdruck eines Ungleichgewichts zwischen Yin und Yang angesehen. Ziel der Makrobiotik ist es, Belastungen für den Körper zu verringern und die köpereigene Energie zu stärken, um so das innere Gleichgewicht aus eigener Kraft wieder herzustellen. [7]

Makrobiotische Ernährung nach Ohsawa

Ohsawa übertrug das Prinzip der Makrobiotik auf die Ernährung, so dass für eine ausgewogene Ernährung ein Gleichgewicht zwischen Yin und Yang anzustreben ist. Die Lebensmittel werden nach ihrem Charakter in Yin und Yang eingeteilt. Als Kriterien für die Einteilung dienen Faktoren des Wachstum (Form, Geschwindigkeit, Zeit und Standort) sowie lebensmittelspezifische Merkmale wie der Wassergehalt, das Kalium-Natrium-Verhältnis und die Farbe. Getreide beispielsweise ist eher Yang, da es kleine, kompakte, trockene Körner hat. Es kann jedoch in mehr Yang-betonte Arten wie Hirse und mehr Yin-betonte Arten wie Mais unterteilt werden. Durch die Art der Zubereitung wie Kochen, Salzen oder Würzen können Lebensmittel „yangisiert“ oder „yinisiert“ werden.
Ohsawa zufolge ist Vollkorngetreide (Vollkornreis) das ausgewogenste und damit lebenswichtigste Lebensmittel, da es ebenso wie unser Körper Kalium und Natrium im optimalen Verhältnis von 5:1 enthält. Vollkorngetreide sollte mindestens 60 % der Nahrung ausmachen. Der leichte Yang-Überschuss bei reichlicher Getreideernährung wird durch Gemüse, teilweise auch durch Obst ausgeglichen.
Vom Fleischverzehr wird abgeraten, da es schwer verdaulich sei und darüber hinaus die Fäulnisprozesse nach dem Verzehr sich im Darm fortsetzten. Dies hat wiederum die Bildung verschiedener Toxine und die „Übersäuerung“ des Organismus zur Folge.
Milch und Milchprodukte werden in der Makrobiotik als sehr kritisch angesehen, da sie „schleimbildend“ im Dünndarm und den Atemwegen wirken sowie Toxine bilden, was mit der Entstehung von Herzkrankheiten, Zysten, Tumoren, Obstipation (Verstopfung), Menstruationsbeschwerden und Allergien in Verbindung gebracht wird. Lediglich gesäuerte Milchprodukte werden in der makrobiotischen Ernährungsweise toleriert.
Zucker wird neben Milch und Fleisch als Hauptverursacher der Zivilisationskrankheiten angesehen. Nachtschattengewächse wie Kartoffeln, Tomaten und Paprika sollten aufgrund des Alkaloidgehaltes (extrem Yin) gemieden oder nur selten verzehrt werden.
Ohsawa vertrat die Ansicht, dass der Körper zur Vitamin C-Synthese erzogen werden könnte und zur „stofflichen Transmutation“ fähig sei. Letzteres bedeutet, dass beispielsweise aus Natrium und Sauerstoff bei Bedarf Kalium gebildet werden könnte. [5, 6, 7]

Makrobiotische Ernährung nach Kushi

Die makrobiotische Ernährung nach Kushi ist eine abgewandelte Form der Makrobiotik, die Prinzipien der westlichen alternativen Ernährungsformen übernommen hat. Kushi empfiehlt u. a. einen Anteil von Vollkorngetreide in der Ernährung von 50 bis 60 %. [6]

Makrobiotische Ernährung nach Acuff

Acuff bezeichnet die Makrobiotik als einen „Weg der Mitte“, der durch Mäßigkeit, Flexibilität und eine ganzheitliche Betrachtungsweise gekennzeichnet sei. Die Empfehlungen sollen keine dogmatischen, unumstößlichen Gesetze darstellen, sondern jedem Menschen eigene Erfahrungen ermöglichen. Im Unterschied zu Oshawa und Kushi weist Acuff darauf hin, dass bei einer rein pflanzlichen Kost auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D und B12 zu achten sei. Deshalb empfiehlt er den Verzehr von Eiern (selten) und fettreichem Fisch (ein- bis dreimal wöchentlich). In der moderateren Variante der Makrobiotik wird großen Wert auf die Regionalität, ökologischer Erzeugung und geringen Verarbeitungsgrad der verzehrten Lebensmittel gelegt. [6, 7]

Wirkungsprinzip

Die makrobiotische Lehre widerspricht anerkannten wissenschaftlichen und medizinischen Kenntnissen. Ihr Anspruch, alle Krankheiten heilen zu können, gilt als widerlegt. Darüber sind Aussagen, dass der Körper zur Vitamin-C-Synthese erzogen werden könne oder zur „stofflichen Transmutation“ fähig sei, schlichtweg falsch und dazu irreführend. [6, 7]

Durchführung

Makrobiotische Ernährung nach Ohsawa

Bei der ursprünglichen Makrobiotik nach Ohsawa werden hauptsächlich Vollkornreis, etwas gekochtes Gemüse, Hülsenfrüchte, Meeresalgen und reichlich Kochsalz verzehrt. Es sollte nur ein Minimum an Flüssigkeit getrunken werden. Zu meiden sind Rohkost, Obst, Kräuter, Fleisch, Milchprodukte, Zucker und Genussmittel. [5, 6]

Makrobiotische Ernährung nach Kushi

Kushi empfiehlt eine nahezu vegane „Standardernährung“ bestehend aus:

  • 50-60 % Vollkorngetreide und Vollkornprodukte
  • 25 % frisches Gemüse (Blatt-, Knollen- und Wurzelgemüse)
  • 13 % pflanzliche Proteine (Eiweiß) (Bohnen, Kichererbsen, Linsen, Seitan, Tofu und Algen)
  • 6 % Getränke und Suppe
  • 6 % Fisch und Desserts bei Bedarf

Gemüse sollte zu mehr als zwei Drittel gekocht, der Rest roh oder sauer eingelegt verzehrt werden. Kushi empfiehlt wie auch Ohsawa täglich eine Suppe aus Land- und Meeresgemüse sowie eine Brühe mit Miso (milchsauer vergorene Paste aus Sojabohnen, Getreide und Salz) oder Tamari (Sojasoße). Obst kann mehrmals die Woche, vorzugsweise gekocht oder getrocknet, verzehrt werden. Gewürzt wird u. a. mit Meersalz, Miso, Sojasauce, Umeboshi (in Salz und rote Sesamblätter eingelegte japanische Aprikosen), Reis- und Umeboshi-Essig, Gomasio (geröstetes Sesamsalz), Petersilie und Ingwerwurzeln. Fisch kann in kleinen Mengen gelegentlich verzehrt werden. Als Getränke werden Quell- oder Brunnenwasser sowie verschiedene Teesorten wie Bancha-, Kräuter- und Wurzeltee empfohlen. Fleisch, Eier, Milchprodukte, Kaffee, schwarzer Tee und Alkohol sollten generell gemieden werden. [5, 6, 7]

Makrobiotische Ernährung nach Acuff

Acuff orientiert sich an der Standardernährung nach Kushi, lässt jedoch den Verzehr von Eiern und fettreichem Fisch ein- bis dreimal wöchentlich zu. Er empfiehlt, das Verhältnis von rohem zu gegartem Gemüse individuell festzulegen, indem auf die Signale des Körpers geachtet wird. Auch die Menge der Flüssigkeitszufuhr sollte sich nach den individuellen Bedürfnissen richten. Obst sollte nur mäßig und nach Bedarf in Form von Kompott, Trockenobst oder auch als frisches Obst verzehrt werden. Milch und Milchprodukte sind in Form von Sauermilchprodukten zulässig. Generell abgelehnt werden Kaffee, schwarzer Tee, anregende Kräutertees wie Pfefferminztee, scharfe Gewürze, Alkohol, Süßstoff, Lebensmittel mit Zusatzstoffen, Konserven und Tiefkühlkost. [6, 7]

Ernährungsphysiologische Bewertung

Vorteile

Im Vergleich zur üblichen Mischkost kann bei der makrobiotischen Ernährung nach Acuff der bevorzugte Verzehr von Vollkornprodukten, Gemüse, Hülsenfrüchten und gering verarbeiteten Lebensmittel sowie das Meiden von Zucker und Alkohol positiv bewertet werden. Auch der mäßige Fettgehalt der Nahrung ist positiv zu beurteilen. [7]

Nachteile

Makrobiotische Ernährung nach Ohsawa
Die traditionelle Form der makrobiotischen Ernährung kann aufgrund der eingeschränkten Lebensmittelauswahl zu gravierenden Nährstoffdefiziten und somit zu  Mangelerscheinungen führen. Darüber hinaus kann die geringe Flüssigkeitszufuhr schwerwiegende gesundheitliche Probleme verursachen. [6]

Makrobiotische Ernährung nach Kushi
Aufgrund der einseitigen Lebensmittelauswahl kann eine unzureichende Versorgung mit verschiedenen Nährstoffen wie z. B. Vitamin B2, Vitamin B12, Vitamin D, Calcium und Eisen auftreten. [7]

Makrobiotische Ernährung nach Acuff
Bei der makrobiotischen Ernährung nach Acuff sind Nährstoffmängel (Vitamin B12, Vitamin D, Calcium und Eisen) seltener, jedoch nicht ausgeschlossen. [6, 7]

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

In den Niederlanden fanden umfangreiche Untersuchungen an Kindern aus Familien, die sich makrobiotisch nach Kushi ernährten, statt. Die Ergebnisse zeigten, dass der geringe Protein-, Fett- und Energiegehalt der Nahrung mit einer starken Wachstumsverzögerung der Kinder einherging. Zudem wurde bei einem Drittel der Kinder eine Dystrophie des Unterhautfett- und Muskelgewebes als Folge starker Abmagerung diagnostiziert. Gleichzeitig war die Entwicklung der Grobmotorik und der Sprache verzögert. Bei 26 % der Kinder wurde ein Vitamin B2-Mangel, bei 15 % ein Eisenmangel und bei 45 % ein Vitamin B12-Mangel diagnostiziert. [1, 2] Darüber hinaus war auch die Zufuhr von Calcium, Vitamin C und Phosphat deutlich unter dem Niveau der omnivoren Referenzgruppe, so dass teilweise klinische Symptome eines Nährstoffmangels, wie Rachitis, vorlagen [3]. Kinder von makrobiotisch ernährten Müttern hatten im Vergleich zur niederländischen Referenzbevölkerung ein um durchschnittlich 200 g niedrigeres Geburtsgewicht [4].
Diese Studienergebnisse verdeutlichen, dass eine makrobiotische Ernährung nach den Empfehlungen von Kushi zumindest für Kinder und Schwangere gänzlich ungeeignet ist. [7]

Fazit

Makrobiotische Ernährung nach Ohsawa
Die makrobiotische Ernährung nach Ohsawa kann auf Dauer zu gesundheitlichen Problemen führen und ist daher abzulehnen. Darüber hinaus sind Aussagen wie z. B., der Körper kann zur Vitamin-C-Synthese erzogen werden, falsch und begünstigen zudem die einseitige Lebensmittelauswahl. [6]

Makrobiotische Ernährung nach Kushi
Bei der Ernährungsweise nach Kushi handelt es sich um eine weitgehend vegane Ernährung mit möglichem Verzehr von Fisch und kleinen Mengen gesäuerten Milchprodukten. Als Dauerkost ist aber auch die gemäßigtere Variante nach Kushi nur bei einer sorgfältigen Lebensmittelauswahl mit Einschränkung für gesunde Erwachsene geeignet. [5, 6]

Makrobiotische Ernährung nach Acuff
Die moderate Form der Makrobiotik nach Acuff kann bei sorgfältiger Auswahl nährstoffdichter Lebensmittel als Dauerkost für Erwachsene geeignet sein. Allerdings sollte diese Ernährungsform nur bei ausreichendem Ernährungswissen praktiziert werden. Für Kinder ist aber auch die makrobiotische Ernährung nach Acuff problematisch, da leicht eine Unterversorgung an Vitamin B12, Vitamin D, Calcium und Eisen auftreten kann. [5, 6, 7]

Literatur

  1. Dagnelie PC, van Staveren WA, Vergote FJ, Dingjan PG, van den Berg H, Hautvast JG (1989a). Increased risk of vitamin B-12 and iron deficiency in infants on macrobiotic diets. Am J Clin Nutr 50 (4): 818-824.
  2. Dagnelie PC, van Staveren WA, Verschuren SA, Hautvast JG (1989b). Nutritional status of infants aged 4 to 18 months on macrobiotic diets and matched onmivorous control infants: a population-based, mixed-longitudinal study.. I. Weaning pattern, energy and nutrient intake. Eur J clin Nutr 43 (5): 311-323.
  3. Dagnelie PC, Vergote FJ, van Staveren WA, van den Berg H, Dingjan PG, Hautvast JG (1990). High prevalence of ricketss in infants on macrobiotic diets. Am J Clin Nutr 51 (2): 202-208.
  4. Dagnelie PC, van Staveren WA (1994). Macrobiotic nutrition and child health: results of a populatilons-based, mixed-longitudinal study in The Netherlands. Am J Clin Nutr 59 (Suppl): 1178S-1196S.
  5. Kofrányi E, Wirths W (2008). Einführung in die Ernährungslehre. 12 Auflage. Umschau Buchverlag, Neustadt an der Weinstraße.
  6. Leitzmann C, Keller M, Hahn A (2005). Alternative Ernährungsformen. 2. Auflage. Hippokrates Verlag, Stuttgart.
  7. Leitzmann C, Müller C, Michel P, Brehme U, Triebel T, Hahn A, Laube H (2009). Ernährung in Prävention und Therapie – Ein Lehrbuch, 3. Vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Hippokrates Verlag, Stuttgart.
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