Anthroposophische Ernährung

Die anthroposophische Ernährung, die zu den alternativen Ernährungsformen zählt, basiert auf der vom Natur- und Geisteswissenschaftler Rudolf Steiner (1861-1925) begründeten Philosophie, der Anthroposophie („Weisheit vom Menschen“). Weiterentwickelt wurde die anthroposophische Ernährung von Rudolf Hauschka (1891-1969), Gerhard Schmidt (1908-2003), Udo Renzenbrink (1913-1994) und der Ökotrophologin Petra Kühne (*1953).

Grundsätze und Ziele

Die Anthroposophie ist eine ganzheitliche Philosophie, die Naturwissenschaft und Psychologie verbindet sowie den Menschen als körperliches und seelisch-geistiges Wesen im Zusammenhang mit den sichtbaren Erscheinungen der Welt und den unsichtbaren Kräften des Kosmos betrachtet. Somit versteht sich die anthroposophische Ernährung als geisteswissenschaftliche Erweiterung der naturwissenschaftlichen Ernährungslehre, um dem Menschen zu einem höheren Bewusstsein und mehr Wohlbefinden zu verhelfen.
Das oberste Grundprinzip der anthroposophischen Ernährung ist die freie Entscheidung des Menschen. Daher gibt es konsequenterweise keine verbotenen oder erlaubten Lebensmittel. Vielmehr soll jeder selbst entscheiden, welche Lebensmittel für ihn zuträglich sind. Es werden aber Empfehlungen ausgesprochen.
Ein weiteres Grundprinzip der anthroposophischen Ernährung ist die Dreigliederung pflanzlicher Lebensmittel in Wurzel, Blatt/Stängel und Blüte/Frucht. Dabei regt jeder Teil einer Pflanze einen bestimmten Bereich des menschlichen Körpers an. Dies bedeutet dass, Wurzelgemüse wohltuend für Kopf und Nerven sind, Blatt- und Kopfsalat positiv auf Herz und Lunge wirken und Früchte den Stoffwechsel anregen. Um ein harmonisches Gleichgewicht zur erzielen, wird empfohlen täglich von allen drei Pflanzenteilen zu essen.
Darüber hinaus werden die Lebensmittel auch noch in unterschiedliche Stoffzustände eingeteilt, die sogenannten Äther- bzw. Bildekräfte, wobei die Nahrung umso wertvoller sei, je mehr Ätherkräfte sie enthalte.
Des Weiteren sollen in der anthroposophischen Ernährung Lebensmittel bevorzugt werden, die aus dem biologisch-dynamischen Anbau stammen. Bei der Verarbeitung der Lebensmittel ist es wichtig, dass die hohe landwirtschaftliche Qualität sich fortsetzt und den Bedürfnissen des Menschen entspricht. Zudem gibt es Empfehlungen die Rhythmen der Natur (Jahreszeiten) und regionale Produkte in die Lebensmittelauswahl einzubeziehen.

Durchführung

Die Grundlage der anthroposophischen Ernährung bildet Getreide, da es nach Ansicht der anthroposophischen Ernährungslehre einen "geistigen Gehalt" hat, der die sogenannten Bilderkräfte des Lebendigen in sich trägt. Getreide stärke angeblich die Sinneskräfte, fördere die Konzentration und rege die Verdauung an.
Des Weiteren wird in der anthroposophischen Ernährung reichlich Obst und Gemüse verzehrt, wobei auf die Ausgewogenheit der Dreigliedrigkeit geachtet werden soll. Das Gemüse und Obst soll gemäß der Saison ausgewählt werden und aus regionalem Anbau stammen. Außerdem soll Rohkost laut Steiner ein Viertel bis ein Drittel der täglichen Nahrungsmenge ausmachen, weil es dem Verdauungssystem größeren Widerstand als gekochte Nahrung entgegensetzt und so die Selbstheilungskräfte aktiviert.
Kartoffeln und andere Nachtschattengewächse wie Paprika, Tomaten und Auberginen, sollen dagegen nur in geringem Umfang verzehrt werden, da diese für die seelische Entwicklung weniger günstig sein sollen. Hülsenfrüchte sollen ebenfalls nur etwa einmal wöchentlich gegessen werden. Sie werden als belastend für die geistigen und spirituellen Tätigkeiten angesehen.
Der regelmäßige Verzehr von Milch und Milchprodukten wird empfohlen, weil diese ein Gleichgewicht zwischen einer materialistischen und einer vergeistigten Bewusstseinshaltung herstellen.
Der Verzehr von Fleisch wird in der anthroposophischen Ernährung zwar nicht ausdrücklich verboten, die Empfehlung lautet jedoch Fleisch gar nicht oder nur in Maßen zu verzehren, da es das Seelisch-Geistige zu sehr in die irdisch-materiellen Verhältnisse einbindet. Fisch und Eier sollen ebenfalls nur in mäßigen Mengen, also maximal ein bis zweimal pro Woche, verzehrt werden.
Als weitere Lebensmittelgruppen kommen Ölsaaten und Nüsse, alternative Süßungsmittel (Zuckerrüben- und Ahornsirup, Vollrohrzucker, Honig), Trockenfrüchte sowie Kräuter und Gewürze hinzu.
Zucker gilt als zu stark verarbeitetes Produkt und wird daher abgelehnt.
Als Getränke werden Mineral- und Quellwasser sowie Kräuter- und Früchtetees empfohlen.
Alkohol sollte gemieden werden und auch andere Genussmittel wie Kaffee und schwarzer Tee, sollten nur in Maßen getrunken werden.
Als optimale Ernährung des Säuglings gilt die Muttermilch. Sollte das Stillen jedoch nicht möglich sein, wird verdünnte Kuhmilch mit Lactose- und Mandelmuszusatz empfohlen, der später Getreideschleim zugegeben wird.

Ernährungsphysiologische Bewertung

Vorteile

Bei der Bevorzugung einer überwiegend laktovegetabilen Kost aus ökologischer Erzeugung gelten aus ernährungsphysiologischer Sicht für die anthroposophische Ernährung die Vorteile anderer vegetarisch orientierter Ernährungsformen. Der bevorzugte Verzehr von Vollkornprodukten, Obst und Gemüse kann eine ausreichende Zufuhr an Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen sicherstellen. Positiv zu werten ist auch der weitgehende Verzicht auf Fleisch und die damit verbundene geringe Aufnahme an Purinen, Cholesterin und gesättigten Fettsäuren.

Nachteile

Die Empfehlung auf Kartoffeln und andere Nachtschattengewächse wie Paprika, Tomaten und Auberginen zu verzichten ist, aus ernährungswissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll. Als negativ ist auch die Ablehnung von Hülsenfrüchten anzusehen, die in der vegetarischen Ernährung eine wichtige Proteinquelle darstellen. Außerdem ist, wie bei anderen lactovegetabilen Ernährungsformen, insbesondere auf eine ausreichende Versorgung mit den Nährstoffen Vitamin B12, Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Iod, Zink und Eisen zu achten.

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Eine Untersuchung aus den Niederlanden ergab, dass anthroposophische ernährte Kinder im Vergleich zur normal ernährten Kontrollgruppe eine niedrigeres Körpergewicht und eine etwas geringere Körpergröße aufwiesen. Außerdem lag die Vitamin-D-Zufuhr bei den anthroposophisch ernährten Kindern unter der Empfehlung. Somit ist die anthroposophische Ernährung für Kinder nur eingeschränkt geeignet.
Die Empfehlungen zur Herstellung von Ersatznahrungen für die Säuglingsernährung sind als kritisch zu beurteilen, da eine angemessene Ernährung von Säuglingen damit nicht sicher gewährleistet werden kann. Insbesondere das Verwenden von Rohmilch ist aus hygienischer Sicht für Säuglinge abzulehnen. Zudem kann die frühzeitige Aufnahme von Gluten mit dem Getreideschleim das Risiko für eine Zöliakie erhöhen.

Fazit

Die anthroposophische Ernährung ist ein Teil einer ganzheitlichen Lebensweise, die den Körper und Geist des Menschen in Einklang mit der Natur und dem Kosmos bringen soll. Praktisch handelt es sich bei dieser alternativen Ernährungsform um eine vorwiegend lactovegetabile Kost.
Da die anthroposophische Ernährung in ihren Grundzügen der vollwertigen Ernährung ähnelt, kann sie bei ausgewogener Lebensmittelauswahl durchaus alle notwendigen Nährstoffe liefern. Somit ist die anthroposophische Ernährung als Dauerkost prinzipiell geeignet. Allerdings muss bei Kindern sowie bei Schwangeren und Stillenden auf eine ausreichende Zufuhr von insbesondere Jod, Eisen und Vitamin D geachtet werden.
Die Vorstellungen von ätherischen Bildekräften, die über die Nahrungsaufnahme den menschlichen Ätherleib aktivieren oder die Gedankenbildung durch den Verzehr bestimmter Lebensmittel beeinflussen, sind naturwissenschaftlich nicht nachvollziehbar.

Literatur

  1. Leitzmann C, Keller M, Hahn A (2005).
    Alternative Ernährungsformen. 2. Auflage.
    Hippokrates Verlag, Stuttgart.
  2. Leitzmann C, Müller C, Michel P, Brehme U, Triebel T, Hahn A, Laube H (2009).
    Ernährung in Prävention und Therapie – Ein Lehrbuch, 3. Vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage.
    Hippokrates Verlag, Stuttgart.
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